ERLÄUTERUNGSTEXT ZUM KÜNSTLERISCHEN SCHAFFEN DER MALERIN

Kontrastreiche Kompositionen aus Figur und Abstraktion

Die menschliche weibliche Figur steht im Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens von Gabriella Prokai. Doch diese prinzipielle Aussage zur Thematik der Bilder der gebürtigen Ungarin, die seit knapp zehn Jahren in Baden-Württemberg lebt, erscheint zunächst paradox, denn ein erster Blick auf ihre Mischtechniken wird zunächst von der abstrakten Gestaltung der Bildfläche angezogen. Doch bei konzentrierter Betrachtung des Werkes tritt gewissermaßen als Bild im Bild betont weibliche Figürlichkeit in Erscheinung. Gerade weil nur ein minimaler Ausschnitt von einer offenbar in vollendeter Schönheit gewachsenen weiblichen Figur erkennbar ist, wird dem Betrachter der Eindruck vermittelt, einem Geheimnis auf die Spur gekommen zu sein, zumal bei aller Ästhetik der Ausführung auch eine durchaus erotische Ausstrahlung unverkennbar ist.


Die eingeschobenen "Zitate" in den Bildern von Gabriella Prokai werden zum eigentlichen thematischen Mittelpunkt, während die jeweiligen Umfelder in ihrer offenbar sehr emotional geschöpften Gestaltung eher Zugänge zur momentanen Gefühlswelt der Malerin eröffnen können. Sie dienen als Kontexte zur künstlerisch verherrlichten weiblichen Figur und spiegeln Stimmungen und Empfindungen wieder. Dabei versteht es Gabriella Prokai auf faszinierende Weise, eine in sich geschlossene, ausgewogene Harmonie der Farben und Formen zu entfalten, die den Ausdruck der Arbeit verdichtet und zusammenfasst. Das zweiteilige Bild wird wieder als Gesamtwerk wahrgenommen.   


Bilder von Gabriella Prokai werden in ihrer Ausführung von den Elementen der Collage bestimmt. Als Malgrund wählt die Künstlerin Leinwand und sie verwendet in erster Linie Acrylfarben, die sie in gelegentlich bis zu zehn Schichten aufträgt, um damit einen differenzierten Ton zu erzielen. Während des Malprozesses fügt sie den Farbflächen in emotionaler Heftigkeit Einrisse zu und lässt auf diese Weise tiefer liegende Farbschichten erkennen. Die Einbringung von Sand auf die Flächen hebt deren Rissigkeit noch zusätzlich hervor und versteht sich als weiterer Hinweis auf die enorme Emotionalität der Malerin während des Schöpfungsprozesses.


Stets bildet ein großflächiges, von einer ausgewählten Farbe geprägtes Feld den Schwerpunkt des abstrakten Bildteils. Dieser Farbton ist zugleich identisch mit jenem auf einem Metallblatt gemalten fotorealistischen Bild eines überaus plastisch wirkenden weiblichen Körperbereichs, das in einem weiteren Schritt eingefügt wird. Zwischen den beiden Bildteilen wächst aus solcher Farbeneinheit eine selbstverständliche Verbindung und führt zur bereits erwähnten gesamthaften Wahrnehmung des Werkes.


Das konkret gestaltete kleine Bild mit einer Teilansicht von einem weiblichen Körper malt Gabriella Prokai auf einem Metallblatt stets als Erstes, bevor sie die große abstrakte Bildfläche ausführt. Hierfür verwendet sie Ölfarben. Nach Beendigung des Malvorgangs legt sie dieses Ölbild auf Metall in den Backofen und brennt die Farben mit 100 Grad regelrecht ein. Erst danach wächst aus dem konkreten Bild das abstrakte Umfeld.   
In ihrer kontrastreichen Komposition aus Figur und Abstraktion und in Verbindung mit der eigenwilligen, von ihr selbst entwickelten Mal- und Gestaltungsmethode sind die Bilder von Gabriella Prokai im Ausdruck vital und emotional. Sie lassen malerisches Temperament ebenso wie künstlerisch perfekten und virtuosen Umgang mit Farben und Formen erkennen. Vom Betrachter verlangen sie konzentrierte Zuwendung, öffnen sich aber zugleich auch zu vielschichtigen, reizvollen Seherlebnissen.

Rudolf Wesner
01.04.2002